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von Rüdiger Benda, Stein-Bockenheim

Stein-Bockenheim

ist ein Dorf in der "Rheinhessischen Schweiz", eine ländliche Wohngemeinde, idyllisch gelegen an Wiesen, Wald und Weinbergen!
Der neugotische Kirchturm, das Gemeindehaus und einige neu restaurierte Fachwerkhäuser sind Schmuckstücke und zugleich Zeugnis der Baukunst der Vergangenheit. Überaus reizvoll sind Spaziergänge im unmittelbaren Umkreis.
Hier an der Grenze Rheinhessens zur Pfalz geht das "Rheinhessische Hügelland" in das waldreiche "Nordpfälzer Bergland" über, dessen Ausläufer als "Rheinhessische Schweiz" bezeichnet werden.

Der Name
Das Wappentier von Stein-Bockenheim ist der Steinbock. Der Steinbock steht jedoch in keiner Beziehung zur echten Namenswurzel, denn erst im hohen Mittelalter taucht der heutige Name in der heutigen Schreibweise -jedoch ohne Bindestrich- auf. Die erste uns überlieferte Urkunde aus dem Jahre 784 nennt die Gemeinde noch "Buckenheim". Die Endsilbe "heim" weist darauf hin, dass Stein-Bockenheim auf eine fränkische Gründung zurück geht (heim = ahd. Heimat). Die Vorsilbe "Stein" wurde vermutlich aus Unterscheidungsgründen gegenüber gleichlautenden Dorfnamen in der Pfalz und im Hunsrück eingeführt und kann auf die damaligen Besitzer, die Rheingrafen zum Stein, zurückgehen. Es ist relativ unwahrscheinlich, dass die Vorsilbe "Stein" auf die seit dem 15. Jahrhundert erwähnten Steinbrüche zurückgeht.

Vor- und Frühgeschichte
Wo heute fruchtbare Äcker und Weinberge, langgestreckte Hügel und Wälder das Bild der Landschaft prägen, erstreckte sich vor 55 Millionen Jahren (Alt-Tertiär) ein ausgedehntes Meer. Beredtes Zeugnis geben die recht zahlreichen Funde von Muscheln, Schnecken, Überresten von Krokodilen, Haifischen oder Schildkröten.
Wer einmal hinaufwandert zu den sanft geschwungenen Bergrücken über Stein-Bockenheim und dort den Blick hinaus in die offene Landschaft schweifen läßt, kann ahnen, welche Naturgewalten die jetzt so ansprechend gestaltete Landschaft geformt haben.
Einst floß auch der Rhein unweit des Dorfes in seinem frühen Bett von Worms herkommend in Richtung Bingen. Heute erinnert daran z. B. der bei Eckelsheirn und Sprendlingen betriebene Abbau von Schotter, Kiesen und gelblichen Sanden. Erst die weitere Absenkung des Rheingrabens gab dem Strom eine neue Richtung und überließ unsere Heimat am Fuß des nordpfälzischen Berglandes seiner weiteren Geschichte.
Zahlreiche Bodenbewegungen und die gewaltigen Einflüsse der Eiszeiten trugen schließlich zur endgültigen Formung der wesentlichen Oberflächenstrukturen unserer Region bei, so dass sich vor etwa 600 000 Jahren die allmähliche Umwandlung in eine Kulturlandschaft vollziehen konnte.
Frühzeitige menschliche Ansiedlungen (bereits in der Jungsteinzeit, ca. 4000 v. Chr.) wurden besonders durch die landschaftlichen und klimatischen Vorzüge der Region begünstigt. So brachte die Jungsteinzeit die Kenntnis von Ackerbau und Viehhaltung sowie den Zusammenschluß größerer Menschengruppen in geschlossenen Siedlungen als Folgen der neuen Wirtschaftsweise. Jedoch haben wir es keineswegs mit ausschließlich friedlichen Zeiten zu tun. Immer wieder verdrängten neue Stämme die alten Bewohner. Oberreste von Wehranlagen und Funde von Metallwaffen sind Zeugnis dafür. Schließlich setzten sich ca. 500 Jahre v. Chr. die Kelten durch, die bis in das 2. Jahrhundert v. Chr. die inzwischen bereits hochzivilisierten Einflüsse der Mittelmeerwelt auch in unserer Region hinterließen. Kunst und Gewerbe nahmen Aufschwung, eine regelrechte Konsumgüterindustrie entwickelte sich, Münzgeld kam in Verkehr und die Schrift verfeinerte sich.

Die Römerzeit
Aber von Süden drängten bereits die Römer ins Land, sie stießen auf ihren Eroberungsfeldzügen bis zum Rhein vor und sollten für die folgenden Jahrhunderte den Gang der Geschichte in dieser Region bestimmen.
Gallien, und damit auch unsere Heimat stand - wie alle noch nicht restlos befriedeten Grenzprovinzen zu den keltischen und germanischen Stämmen - direkt unter kaiserlicher Verwaltung und war mit Besatzungtruppen belegt. Zunächst nur Durchzugsgebiet wurde unsere Region später wirtschaftlich intensiv genutzt. Der Handel blühte, die Viehzucht nahm erheblich zu und - im 2. Jahrhundert n. Chr. - wurden die ersten Weinreben von den Römer gepflanzt. Schon seit vorrömischer Zeit existierten Steinbruchbetriebe, in denen überwiegend Mahlsteine bearbeitet wurden, vermutlich auch in unserer unmittelbaren Nähe - in Neu-Bamberg. Aber auch in der Gemarkung Stein-Bockenheim haben die Römer ihre Spuren hinterlassen. Münzfunde aus jener Zeit belegen dies eindrucksvoll. Einzelbauten oder Siedlungen konnten jedoch bisher nicht nachgewiesen werden.
Im 3. Jahrhundert n. Chr. drängten germanische Stämme - Franken und Alemannen - von Westen in das römische Besatzungsgebiet. Die Lage nach innen war gekennzeichnet von Machtkämpfen der Römer untereinander und sich ständig verschlechternden Lebensbedingungen der Bevölkerung. Steigende Steuerlasten schufen ein Klima, in dem die sich ausdehnende christliche Religion schnell Fuß fassen konnte. Endgültig verlor das römische Reich seine Herrschaft über unseren Raum nach dem historischen Zug der Vandalen, Alanen und der suebischen Quaden (406) und der Besetzung durch die Burgunder im Jahre 407, die zeitweise als Statthalter der Römer auftraten.

Die Frankenherrschaft
Hunnen, Burgunder und Alemannen hatten das Land mit ihren Durchzügen verwüstet, bis schließlich die Franken unter König Chlodwig im 5. Jahrhundert sich die Herrschaft für die kommenden Jahrhunderte sicherten. Die Christianisierung schritt voran, die Macht der Kirche, vertreten durch ihre Bischöfe, wuchs. Eine hervorragende Rolle spielte in diesem Zusammenhang die 764 erfolgte Gründung des Klosters Lorsch, nördlich des rechtsrheinischen Heidelberg. Viele fromme Stiftungen und eine planmäßige Güterpolitik vermehrten stetig den kirchlichen Grundbesitz auf Kosten des weltlichen.
Weltliches Zentrum war in jener Zeit die von Karl dem Großen grundgelegte Kaiserpfalz zu Ingelheim.
Die erste urkundliche Erwähnung von Stein-Bockenheim begegnet uns in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahre 784. Ihre Übersetzung aus dem Lateinischen lautet:
Schenkung des Wanbertus, in Sowelnheim.
Ich - im Namen Gottes - Wanbertus schenke zum hlg. Nazarius (dem) Richbod den dritten Teil von einem Besitz, mit Herrenhaus und Ratssitz, und vom Mauerrain und vom Ackerland in Sowelnheim und in Buckenheim 20 Tagwerk Ackerland, und eine Wiese und zwei Weinberge, gestützt auf die Abmachung. Niedergelegt im Kloster Lorsch zur Regierungszeit Karls des Königs.
Abt des Klosters Lorsch war jener Richbod, dem höchstwahrscheinlich zum Namenstag des hlg. Nazarius am 28. Juli der genannte Besitz in Buckenheim geschenkt wurde. Bei dem ebenfalls genannten Sowelnheim handelt es sich um die Gemeinde Saulheim.

Das ostfränkische Reich
Im Vertrag von Verdun (843) wurde unsere Region dem ostfränkischen Reich zugeschlagen und damit zu Kernlandschaft des sich ausformenden Deutschen Reiches. Weltliche und kirchliche Machtansprüche gingen in der Folgezeit wechselnde Bündnisse ein. Zunächst die Salier, später die Staufer, aber auch (im 12. Jahrhundert) die Wild- und Raugrafen und die Erzbischöfe von Mainz rangen um die Macht. Die verwandtschaftlichen Beziehungen und die gemeinsame Interessenspolitik zwischen dem Erzbischof Gerhard von Mainz und dem Haus der Wildgrafen sowie andere Verbündete leiteten schließlich das Erlöschen der Staufer-Macht ein.
Als 1283 die Wild- und Rheingrafenschaft in den Besitz des Dorfes Stein-Bockenheim kamen, verdankten sie dies ihrer engen Beziehungen zum Erzstift Mainz, zudessen großen Lehensträgern sie gehörten.

Die Wild- Rhein- und Raugrafenschaft
Die Wildgrafen gingen aus der Familie der Emichonen hervor, als deren Namensgeber Graf Emicho zum ersten Mal 960/61 urkundlich erwähnt wird.
Stein-Bockenheim, seit 784 im Besitz des Klosters Lorsch kann im Verlauf der Geschichte in den Besitz der Abteist. Maximin übergegangen sein, da die Wildgrafen als Untervögte des Klosters auftraten und schließlich die Gemeinde in ihren Besitz überging. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts entbrannte zwischen Wildgraf Gottfried von Dhaun und seinem Neffen Gottfried Rauf ein Streit wegen der Lehensgüter. Schließlich kam es am 14. März 1283 zu einer Güterteilung.
In einer Urkunde vom gleichen Datum war bestimmt, daß Emicho dem Gottfried für 20 Pfund die Hälfte des Dorfes Bochenheim (Stein-Bockenheim) abtreten sollte.
In einer Urkunde von 1331 begegnet uns Stein-Bockenheim als "Bockinhem". Am 5. Juni verkauften die Söhne des Heinrich Schieles von Montfort, Ulrich Schieles und Heinrich Zolnhere, dem Wildgrafen Friedrich von Kyrburg ihren gesamten Besitz in Bockinhem im Dorf und im Felde, den sie bisher von dem Wildgrafen zu Lehen hatten für 130 Pfd. Heller. Am 10. April 1355 erklärte der Edelknecht Johann Schweuferoseln von Partenheim, daß die Briefe, die er von Wildgraf Friedrich von Kyrburg habe, wegen des Dorfes und Gericht zu Bockinheim und der Mühle zu Weidesteyn (Wöllstein), keine Gültigkeit mehr hätten, und auf dessen Wunsch mitsamt dem Dorf, Gericht und der Mühle zurückgegeben werden sollen.
Aus diesen Urkunden geht hervor, daß Stein-Bockenheim zur Wildgrafschaft gehörte. Zunächst, seit 1283 zum kyrburgischen Teil des vorher gemeinschaftlichen Amtes Flonheim (Flonheim war Oberhof für Stein-Bockenheim und acht andere Dörfer). Im Weistum von 1515 wird dann auch der Wildgraf zu Kyrburg als Hochgerichtsherr und oberster Vogt des Gerichts anerkannt. Wer Haus und Hof besaß und dreieinhalb Morgen Acker, hatte den Herren fünf Ferntal Hafer und ein Fastnachtshuhn zu geben. Wer aber nicht so viel Acker hat, heißt es in jener Urkunde, gibt sechs Pf. zu allen ungebotenen Dingen, ein Fastnachtshuhn und den Förstern ein Ferntal Hafer. Nach der Teilungsurkunde vom 29. August 1515 wurde Stein-Bockenheim den Wild- und Rheingrafen Philipp von Dhaun zugesprochen. Er war es auch der im Zug der Reformation (1552) die lutherische Religion in Stein-Bockenheim einführte. Der Wildgraf hatte einen Hof, den zehnten und zinsbare Güter in der Gemarkung. Der damalige Sitz der Verwaltung war wohl der rheingräfliche Hof zu Kreuznach, polizeilich-militärischer Mittelpunkt die Burg Rheingrafenstein.
Mit dem Jahr 1576 änderten sich die Besitzverhältnisse erneut. Stein-Bockenheim gehörte zur einen Hälfte dem Fürsten von Salm zur anderen Hälfte Kurbaden. Während das Haus Kurbaden wahrscheinlich durch Verpfändung in den Besitz des Dorfes gelangte ist der Besitz der Fürsten von Salm auf Erfolge zurückzuführen. (Noch 1904 war das Wappen Stein-Bockenheims das des Fürsten von Salm und zeigte zwei silberne Salmen in rotem Feld bestreut mit silbernen Kreuzen).
In Stein-Bockenheim befand sich zur Zeit der Wildgrafen ein hohes und niederes Gericht. Heute weist ein Gemarkungsname auf diese Gerichtsbarkeit hin. Folgt man dem heutigen Wendelsheimer Weg, erreicht man den "Galgenberg", auf dessen Anhöhe im Mittelalter die zum Tode Verurteilten gehängt wurden.
Eine Urkunde vom 13. November 1328, unterzeichnet von Johann, Wild- und Raugraf enthält ein Urteil wegen Waldfrevels gegen drei leibeigene Untertanen: "Wir sind glaubhaftig berichtet worden, was Simon Lormann, Hans-Walter Riegel und Johannes Recker unsere leibeigene Untertanen in ehrvergessener rebellischer und pflichtloser Weise unsere unmittelbare Gerechtigkeit zu Stein-Bockenheim in Widerspruch gezogen haben, um unseren Wildschützen Belarius alle Ungelegenheiten (Unannehmlichkeiten) zuzufügen und an die Handt zu bringen. Deswegen haben wir gegen jeden diesen Frevel zwanzig Taler Strafe angesetzt, die innerhalb acht Tagen zu erlegen sind.
Unser Wildschütz kann auf uns, auf volle Sicherheit und Gerechtigkeit rechnen. Und alle können sich an solchen Exempel heute oder morgen ein Beispiel nehmen.
Stein-Bockenheim 13. November 1328.
Johann, Wildgraf- und Raugraf.

Der Dreißigjährige Krieg
Unsere Heimat gehört zu den mit am stärksten von den Schicksalsschlägen des Dreißigjährigen Krieges betroffenen Gebieten. 60 – 70% der Bevölkerung Rheinhessens sollen in den Kriegswirren umgekommen sein. Den Gang der Geschichte bestimmten in dieser leidvollen Phase fremde Mächte: die Habsburger aus Spanien und Österreich, der Schwedenkönig Gustav Adolf und Ludwig XIV von Frankreich. Immer wieder stieß man in Stein-Bockenheim bei verschiedenen Baumaßnahmen auf ein unterirdisches Gangsystem, von dem behauptet wird, daß es bis hinüber zur Beller-Kirche bei Eckelsheim reiche. Hierüber konnte jedoch bisher noch kein Nachweis gebracht werden.
Es ist aber unzweifelhaft, daß ein weitverzweigtes unterirdisches Gangsystem existiert, dessen Entstehung
uf die schwierige Lage der Bevölkerung während des Dreißigjährigen Krieges zurückgeführt werden kann. Die Gänge reichen bis unter die Wohnhäuser und sind sowohl aus dem reinen Lehm herausgestochen als auch in felsiges Gestein gehauen. Leider sind die Gänge an vielen Stellen entweder eingebrochen oder bewußt zugeschüttet worden, so dass es ausgesprochen schwierig wäre das gesamte System zu rekonstruieren. Die Gänge boten dem Kundigen Zuflucht und begrenzte Aufenthaltsmöglichkeit. Die Einstiege selbst erreichte man entweder unmittelbar von einem Raum des Hauses aus, durch Herablassen einer Leiter oder eines Seils oder von tiefgelegenen Kellern aus direkt.

Besetzung durch das napoleonische Frankreich
Frankreich betrachtete die Rheinlinie schon seit dem Pfälzer Erbfolgekriege (1689) als seine "natürliche Grenze". In den Jahren 1792-1797 besetzten die Franzosen auf ihrem Vormarsch auch das heutige Rheinhessen. Plünderungen und Mißhandlungen waren an der Tagesordnung. Lange Zeit warten die Einwohner die von den Franzosen für Lieferungen erhaltenen "Assignate" (Schuldscheine) in ihren Bibeln auf. Wertlos geworden erzählten sie noch lange von dieser schweren Zeit. Auch in Stein-Bockenheim waren Franzosen einquartiert, noch heute existiert eine Aufstellung erbrachter Leistungen. Getreide mußte geliefert werden, andere Nahrungsmittel und wer ein Fuhrwerk besaß, mußte Fuhrdienste leisten. So gerieten die Bürger von Stein-Bockenheim nach ihren Frondiensten für die Wildgrafen unter eine neue Herrschaft und sie mögen den Dichter und Bauer Isaak Maus aus Badenheim (1748-1833) wohl verstanden haben, als dieser in einer Flugschrift die damaligen Zustände drastisch anklagte. So heiß es in jener Flugschrift: "Sollen wir jubilieren, daß wir fünfzig Jahre lang im Schweiß unseres Angesichtes unser Feld bauen durften, um die Schweine und Hasen der Excellenz zu füttern? Oder sollen wir jubilieren, weil man uns oft mitten aus unserer nötigen Arbeit hinwegriß, um den Landschschreibern und Oberbeamten im Frondienst große Häuser zu bauen und nach ihren zusammengestohlenen Landgütern bequeme und kostbare Straßen führen zu müssen?"
Am Ende des 18. Jahrhunderts traten in unserer Gegend zahlreiche und immer frecher werdende Räuber auf, als deren berühmtesten Vertreter wir noch den Schinderhannes kennen. Obwohl ihm und seinen Spießgesellen im Jahre 1803 in Mainz der Prozess gemacht wurde, war damit das Problem nicht gelöst. Um dem zu entgegnen wurde in jeder Gemeinde, so auch in Stein-Bockenheim, eine Sicherheitsgarde gebildet, der die angesehensten und zuverlässigsten Männer angehörten. Als Waffen dienten ihnen Gewehre mit Feuerschlössern und unter Leitung ihres selbstgewählten Führers hatten sie die Aufgabe Streifen zu unternehmen, um verdächtige Leute festzusetzen.
Die Zeit der französischen Herrschaft brachte auch einige Neuerungen für die einheimische Bevölkerung, die sich bei unseren Vorfahren wachsender Beliebheit erfreuten. Hierzu gehörte z. B. daß man dem Volk in einem Departementalrat eine Vertretung gab, die bei der Verwaltung des Landes mitwirkte. Wie sehr gerade die bürgerlichen Freiheiten, die die Franzosen mit ins Land brachten, von der Bevölkerung verteidigt wurden, sollte sich nach 1816 erweisen, als das Großherzogtum Hessen die Herrschaft übernahm. War früher, in gräflicher Zeit am Rathaus das Halseisen befestigt, die Prügelstrafe gang und gäbe und der Zenth eine schwere Last für die Bauern, so wurde dies alles unter französischer Herrschaft abgeschafft und allmählich entstand bei den Dorfbewohnern ein bürgerliches Selbstbewußtsein. Auch in der Landwirtschaft kam es zu Veränderungen, denn der alte Brauch einen Teil des Feldes brach liegen zu lassen, geriet immer mehr in Vergessenheit. Auf Feldern, auf denen früher Schafe geweidet hatten, pflanzte man jetzt Kartoffeln, Rüben und Klee. Gerade der Landmann hatte zur Zeit der französischen Herrschaft gute Jahre. Die Kornpreise standen sehr hoch, dagegen wurden Kolonialwaren und Tabak infolge der Continentalsperre immer teuer. Statt Kaffee trank man eine aus gelben Rüben hergestellte Brühe, statt Zucker benutzte man Honig. Inzwischen hatte Napoleon den Krieg gegen Rußland begonnen und seine Niederlage besiegelte auch das Schicksal der Franzosenherrschaft. Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts führten die Franzosen in der Gemarkung Stein-Bockenheim Straßenbaumaßnahmen durch. Befestigt wurden unter anderem der Wendelsheimer Weg, der Beller Weg und die Kreuznacher Straße. Infolge der guten Einkünfte bauten zahlreiche Bauern ihre Hofreiten aus oder erstellten neue Scheunen. Die damals errichteten Gebäude wurden meist massiv aufgeführt und hatten wegen der französischen Fenstersteuer nur sehr weinige Fenster. Die Besitzverteilung hatte unter der französischen Region starke Veränderungen erfahren. Die Staats-, Kirchen- und Klostergüter sowie die Güter der zahlreichen Adeligen waren zu Staatsgut geworden und wurden später als freies Eigentum verkauft. Dadurch wurde es auch in Stein-Bockenheim mehreren kleinen Bauern möglich sich Gut anzuschaffen, dessen Ertrag sie und ihre Familie nährte.

Das Großherzogtum Hessen
Nach einer zweijährigen provisorischen Verwaltung wurde Rheinhessen auf Grund der Beschlüsse des Wiener Kongresses mit dem Großherzogtum Hessen vereinigt und am 12. Juli 1816 von Großherzog Ludwig I in Besitz genommen. Von diesem Datum erhielt die Region den Namen Rheinhessen, obwohl niemals Hessen die Bevölkerung gebildet hatten. Damit war endgültig die Herrschaft der französischen Republik gebrochen und Stein-Bockenheim gehörte nicht mehr dem Departement Donnersberg an. Die "Rheinhessen " verteidigten in zahlreichen Eingaben ihre während der Franzosenherrschaft errungenen bürgerlichen Rechte. Der Großherzog kam ihnen entgegen und durch eine Verordnung vorn 11. August 1818 wurde der ehemalige Departementalrat unter dem Titel "Provinzialrat" wieder eingeführt. Dieser Provinzialversammlung gehörte unter anderem als Vertreter der hiesigen Region der damalige Bürgermeister Franz Brunck aus Fürfeld an.
Waren die vergangenen Jahre von relativem Wohlstand gekennzeichnet, so führte das Notstandsjahr 1816, das der Heimatschriftsteller und Chronist Heinrich Bechtolheimer aus Wonsheim in seinem Buch "Das Hungerjahr" eingehend beschrieben hat zu einem nahezu allgemein gewordenen Notzustand. Ursache waren heftige Gewitter die Anfang Juni einen großen Teil der Ernte vernichteten. Diese Naturereignisse betrafen nicht nur Rheinhessen sondern das gesamte damalige Deutschland, bis nach Österreich und in die Schweiz hinein. Um die Armut zu lindern wurde in Rheinhessen aus den Abgaben der Brandweinbrenner und Essigsieder Geld für die Armen zur Verfügung gestellt. Auch aus dem Jahr 1822 werden schwere Unwetter, Stürme und Regengüsse gemeldet. Hinzu kamen eine Mäuseplage, die sich 1819 und 1822 bemerkbar machte und sich, wie ein damaliger Chronist schreibt zu einer "Pharaonischen Landplage "entwickelte. Mit allen möglichen Mitteln suchte man über diese Lage Herr zu werden. Man brachte Arsen in die Mauselöcher, die Schweine durften an diesen Tagen nicht auf das Feld getrieben werden. Später wurde verordnet, daß jeder Besitzer entweder nach der Morgenzahl seiner Grundstücke oder nach der Steuer, die er entrichtete, Mäuse abzuliefern habe, wie es auch später in den Dreißiger Jahren mit den Spatzen geschah. Für abgelieferte Mäuse wurde eine bestimmte Summe gezahlt. Eine andere Methode war die, daß man in die Äcker glasierte Töpfe eingrub, in die die über das Feld laufenden Mäuse fielen, um darin zu verenden, wie Bechtolsheimer berichtet.
Die großherzogliche Regierung versuchte durch verschiedene Maßnahmen die Armut zu lindern. Zu einer wesentlichen Einkunftsquelle wurde in jener Zeit der Straßenbau. Damals wurde die Straße von Alzey über Erbes-Büdesheim, Wendelsheim, Wonsheim, Fürfeld, Frei-Laubersheim, Hackenheim bis an die preußische Grenze bei Kreuznach gebaut. Stein-Bockenheim mußte nach einer damaligen Statistik 1374 Gulden und 48 Kreuzer für den Straßenbau aufbringen und verdiente nur 195 Gulden und 19 Kreuzer daran, so daß ein Fehlbetrag von 1179 Gulden und 29 Kreuzern festzustellen war.
Die Quecksilbergrube
Noch heute kann der Spaziergänger auf dem Gang durch den Stein-Bockenheimer Wald die alten Stolleneingänge zu der ehemaligen Quecksilbergrube erkennen. Wann der Bergbau auf Quecksilber seinen Anfang genommen hat, läßt sich leider nicht mehr feststellen. Erste schriftliche Meldungen liegen aus der Mitte des 15. Jahrhunderts vor, wobei auch die Quecksilbervorkommen in der Nähe des damaligen Klosters Daimbach bei Mörsfeld Erwähnung finden. In der Mitte des 16. Jahrhunderts traten in den vorher so ergiebigen Gruben Abbauschwierigkeiten auf. Immer tiefer mußten die Stollen gegraben werden, schließlich führte eindringendes Wasser dazu, dass - mittels von Pferden angetriebenen Pumpen - der Abbau nur unter erheblichen Schwierigkeiten durchgeführt werden konnte. Später versuchte man mit Hilfe eines speziell angelegten Stollens der ständig zunehmenden Wassermengen Herr zu werden. Dies führte jedoch zu der Gefahr, daß die umliegende Gegend überschwemmt werden könnte. Letztlich war somit die Quecksilbergrube unwirtschaftlich geworden und um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert nicht mehr in Betrieb.

Die Steinbrüche
Bereits im 15. Jahrhundert wird in alten Urkunden von der Existenz ergiebiger Steinbrüche bei Stein-Bockenheim berichtet. Zeitweise waren 12 Steinhauermeister mit ihren Gesellen hier tätig. Mit Pferdefuhrwerken wurde das allseits gelobte Baumaterial bis nach Kreuznach, Bingen, Ingelheim oder Mainz geliefert. 1478 verlieh Kurfürst Philipp von der Pfalz dem Johann Wildgrafen zu Dhaun und Kyrburg und Rheingrafen zum Stein, wegen seiner Verdienste um die in unserer Gegend liegenden kurpfälzischen Dörfer, zu denen auch Stein-Bockenheim damals gehörte , erblich die Hälfte aller Bergwerkszehnts, der bisher der Kurpfalz allein zuständig war.
Am 12. August 1779 schloßen der damalige Ingelheimer Schultheiß Roeder und der Stein-Bockenheimer Steinhauermeister Nikolaus Hauburger einen Vertrag - "wegen 4 gemeinen steinernen Feldruhen." Jahrhunderte wurden diese Feldruhen benutzt, um bei dem langen und beschwerlichen Fußmarsch nach Bingen oder Mainz zu den Märkten die von den Männern auf den Schultern und von den Frauen auf den Köpfen beförderten Traglasten (Butter, Eier, Kirschen etc.) auf diesen Feldruhen, die eine niedrige und eine höhere Abstellbank besaßen, für eine Weile abzusetzen. Noch heute ist eine solche Feldruhe erhalten und erinnert an den einstigen Erbauer, Nicolaus Hauburger aus Stein-Bockenheim.

Der Weinbau
Mit den Römern kam auch die Weinrebe in unsere Region. Der Beginn des Weinbaues in Stein-Bockenheim kann leider nicht exakt datiert werden, jedoch heißt es in Zusammenhang mit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 784, dass neben der Ackerfläche auch 2 Weinberge in den Besitz des Klosters Lorsch übergingen. Die ersten genauen Zahlen über die Größe der Gemarkung und ihre Aufteilung stammen aus dem Jahre 1830. Damals umfasste die Gemarkung insgesamt 1239 hessische Morgen, wovon auf das Ackerfeld 835 Morgen, auf Wiesen 16 Morgen und auf Weinberge 2 Morgen entfielen. (Die Restfläche nahm der Wald mit insgesamt 386 Morgen ein).

Die Feste
Zu den Höhepunkten des Jahres zählte die Kirchweihe, die in Stein-Bockenheim zu Maria Geburt, dem 8. September eines jeden Jahres begangen wurde. Fast zum gleichen Datum wurde auch der traditionelle Beller-Markt abgehalten, der weithin bekannt und berühmt war und an der Beller-Kirche bei Eckelsheim am Dienstag nach Maria Geburt begann und drei Tage dauerte. Der Beller-Markt war uralt, denn schon der aus Wendelsheim gebürtige Friedrich Christian Laukhard hat ihn im 18. Jahrhundert besucht. Es gab allerhand Gebrauchsgegenstände zu kaufen und wenn der Markt am Freitag zu seinem Ende kam, hatten die ursprünglich für den Markt zuständigen Gemeinden Eckelsheim, Wendelsheim, Stein-Bockenheim und Wonsheim wieder einigen Verdienst gemacht. Am Ende des 19. Jahrhunderts ist der Beller-Markt, ohne daß die Gründe hinlänglich bekannt sind, eingegangen.



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